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05.03.2026 Warum weniger oft mehr ist – oder ist "Wie viel Medienzeit ist richtig?" überhaupt die richtige Frage?

Wie viel Bildschirmzeit ist gesund für Kinder? Und welche Folgen hat ein Zuviel an digitalen Medien? Mit diesen Fragen setzte sich Reto Cadosch in seinem Referat zum Thema Medienkonsum und Medienerziehung am Donnerstagabend, 5. März 2026 im Zentrum Oberwis auseinander. 

Gleich zu Beginn machte er deutlich, dass die wertvollste Frage lautet: "Wie viel Entwicklungszeit bin ich bereit meinem Kind zu nehmen?" und nicht "Wie viel Medienzeit ist richtig?"

Denn jede Stunde, die ein Kind vor dem Bildschirm verbringt, fehlt an anderer Stelle – bei Bewegung, freiem Spiel, Entdecken, sozialen Erfahrungen und kreativem Lernen. Kurz gesagt: bei all jenen Tätigkeiten, die für die gesunde Entwicklung des Frontalkortex entscheidend sind.  

Zwar ist das menschliche Gehirn ein Hochleistungsorgan, doch gerade in jungen Jahren befindet es sich noch im Aufbau. Kindergehirne sind besonders formbar und passen sich stark an ihre Umwelt an. Genau darin liegt die Herausforderung: Ist diese Umwelt geprägt von schnellen Bildfolgen, permanenter Beschallung und ständiger Reizüberflutung, verändert sich nachweislich auch die Hirnstruktur.

Übermässiger Medienkonsum kann dazu führen, dass sich das Gehirn weniger differenziert entwickelt. Fachleute sprechen anschaulich von einer "Kümmerversion": Verbindungen zwischen Nervenzellen bleiben einfacher, während wichtige Bereiche für Konzentration, Kreativität und Problemlösungsfähigkeit schwächer ausgebildet sind.  

Hinzu kommt: Digitale Medien bieten schnelle Erfolgserlebnisse, intensive Reize und sofortige Belohnung. Im Vergleich dazu wirken Schule, Bücher oder ruhige Tätigkeiten oft anstrengend und wenig reizvoll. Lernen verliert dadurch für viele Kinder an Attraktivität.  

Für Reto Cadosch steht deshalb ausser Frage, dass sich ein übermässiger Medienkonsum auch auf die schulischen Leistungen auswirkt. Auf entsprechende Nachfrage antwortete er unmissverständlich: Ja, definitiv.  

Kinder mit hohem Medienkonsum zeigen häufiger Konzentrationsschwierigkeiten, verfügen über weniger Ausdauer bei anspruchsvollen Aufgaben und haben grössere Mühe, komplexe Inhalte zu verarbeiten. Da digitale Medien auf schnelle Reize und unmittelbare Belohnung ausgerichtet sind, fällt es vielen zunehmend schwer, sich auf langsame, anspruchsvolle Lernprozesse einzulassen. 

Ein weiterer zentraler Aspekt betrifft die Bedeutung von Pausen. Das Gehirn braucht Ruhephasen, um Informationen zu verarbeiten, Erlebtes zu ordnen und Gelerntes langfristig zu speichern. Digitale Medien liefern jedoch kontinuierlich neue Reize und beanspruchen damit den Arbeitsspeicher – jenen Teil des Gedächtnisses, der für die kurzfristige Verarbeitung zuständig ist. Wird dieser dauerhaft überlastet, leidet die Gedächtnisleistung insgesamt: Inhalte werden oberflächlicher verarbeitet und schneller vergessen.  

Hinzu kommt, dass übermässiger Medienkonsum die Reifung der kindlichen Psyche verlangsamen kann. Die natürliche Freude an Bewegung, Entdeckungen und aktivem Lernen nimmt ab. Kinder brauchen jedoch genau diese Erfahrungen, um Selbstvertrauen, soziale Kompetenzen und eine gefestigte Persönlichkeit zu entwickeln. Reto Cadosch betonte deshalb eindringlich: "Wir müssen die Gehirne unserer Kinder vor Überreizung schützen."

Neben diesen Risiken stellte Reto Cadosch den Eltern eine grundlegende Frage: "Welches ist die wichtigste Kompetenz, die Sie Ihrem Kind fürs Leben mitgeben können?" Seine Antwort war klar und prägnant: Frustrationstoleranz.   

Kinder müssen lernen, Langeweile auszuhalten, Schwierigkeiten zu bewältigen und Rückschläge zu verkraften. Genau diese Fähigkeit wird durch dauernden Medienkonsum geschwächt. Wer jederzeit auf Ablenkung und Unterhaltung zurückgreifen kann, lernt weniger, Herausforderungen geduldig zu meistern. Frustrationstoleranz ist jedoch eine Schlüsselkompetenz – in der Schule, im Berufsleben und im sozialen Miteinander.   

Eltern stehen deshalb vor einer wichtigen Aufgabe: Medienzeit sollte bewusst begrenzt und begleitet werden.   

Reto Cadosch empfiehlt eine einfache Faustregel: Medienzeit muss durch eigene Aktivität ausgeglichen werden. Das bedeutet:  
• Spielen statt nur Zuschauen  
• Bewegen statt nur Wischen  
• Selbst entdecken statt passiv konsumieren   

Besonders wertvoll bleibt eine klassische, aber äusserst wirksame Methode: das Vorlesen. Wenn Eltern ihren Kindern Geschichten vorlesen und anschliessend mit ihnen darüber sprechen, werden Sprache, Vorstellungskraft, Konzentration und emotionale Entwicklung gleichzeitig gefördert.   

Kinder lernen am nachhaltigsten durch eigenes Tun. Beim Spielen trainieren sie motorische Fähigkeiten, üben soziale Regeln ein und entwickeln kreative Lösungsstrategien. Spielen ist daher kein blosser Zeitvertreib, sondern ein zentraler Motor der kindlichen Entwicklung. Oder wie Reto Cadosch es treffend formulierte: "Wer spielt, gewinnt immer."

Fazit: Digitale Medien sind aus dem Alltag nicht mehr wegzudenken. Gerade bei Kindern ist jedoch ein bewusster und massvoller Umgang entscheidend. Weniger Bildschirmzeit schafft mehr Raum für Bewegung, Kreativität und echte Erfahrungen. Die wichtigste Botschaft des Referats lautet daher: Eine aktive Erziehung, gemeinsame Erlebnisse und ausreichend Pausen sind entscheidend – für ein gesund wachsendes Gehirn und eine gesunde Entwicklung.  

Schulleitung PS Seuzach